Pressemitteilung von Zivilarena: Zwischen Regelwahn und Sozialromantik warten Neubauquartiere noch auf die richtige Mischung

  • Generation Y drängt in die Metropolen und dort in innerstädtische Mischquartiere mit vielfältigen Funktionen
  • Bau- und Umweltgesetze erschweren die Planung durchmischter Quartiere, mit dem Ziel, Lärm und Immissionen fern zu halten
  • Toleranz und Freiraum für Kinder und Jugendliche bleibt wichtigster Schlüssel für die Zukunft der Städte

Neun ausgewiesene Fachleute brachten Licht ins Dunkel bei einem sehr umstrittenen Thema unserer Zeit, dem richtigen Maß an Mischung in den neuen Stadtquartieren deutscher Städte. Ausgerichtet von der Dialogplattform Zivilarena und im Auftrag der Aurelis Real Estate GmbH & Co. KG tagte das Expertengremium an einem Ort, an dem dieses Thema sehr bald Gestalt annehmen wird. Im Frankfurter Europaviertel, oder besser: im Cube43 am jetzt schon gut besuchten Europagarten. Der Blick auf die Skyline der Frankfurter Bürohochhäuser und eine nahe Minigolfanlage machte Zivilarena-Moderator Andreas Jacob den Einstieg in die Diskussion leicht: „Was genau ist Nutzungsmischung und welche Bedeutung hat sie für alle Akteure wie Eigentümer, Nutzer (Wohnen, Gewerbe, Handel), Bauträger, Investoren und Verwaltungen?“ fragte er.

Neue Lebensmilieus in den Städten

Einig waren sich die Fachleute aus den Bereichen Recht, Verkehr, Stadtplanung, Soziologie und Immobilienökonomie bei einem Punkt: Die Veränderungen in der deutschen Arbeitswelt und der hohe alltägliche Organisations- und Abstimmungsaufwand macht in vielen Familien eine hohe Dichte an Funktionen in den neuen Quartieren immer notwendiger. Dr. Markus Vogel, geschäftsführender Gesellschafter des gleichnamigen Beratungsbüros für Immobilienwirtschaft, der zu dem Thema unter anderem seine Doktorarbeit verfasst hat, beschreibt das so: „Der Begriff der Arbeit löst sich zunehmend auf in die Bestandteile Überleben und Sinnstiftung. „Ich arbeite so viel, dass es für mein Leben reicht und möchte darüber hinaus Sinnvolles tun.“ Die Generation Y hat das längst für sich entdeckt und ihre Heimat an den hybriden Orten großer Städte bezogen.“
Aber es gibt auch weniger visionäre, dafür sozialkritischere Stimmen, wie etwa von Prof. Dr. Maren Harnack, Professorin für städtebauliches Entwerfen an der Fachhochschule Frankfurt a.M., die schlicht die Versorgung mit ausreichend Wohnraum in den Vordergrund stellt: „Eine sichere, unproblematische Versorgung mit Wohnraum und sozialen Einrichtungen, besonders für Familien, macht das Heimischwerden leichter und Ortswechsel weniger bedrohlich. Man muss auch an Menschen denken, die in unseren Städten weniger Wahlmöglichketen haben, als die Generation Y.“

Gesetze machen gemischtes Leben schwer

Die Konflikte, die in gemischten Quartieren auftreten, standen ebenfalls im Zentrum der Fachdiskussion und dämpften einige zu euphorische Erwartungen an große Änderungen im deutschen Städtebau. Reiner Nagel, Abteilungsleiter Stadtentwicklung in der Berliner Senatsverwaltung pointiert das so: „Tatsächlich beschreitet doch der Stadtbewohner gegen den Musik-Club, den Spätverkauf und die Kita in der Nachbarschaft den Rechtsweg. BauGB, BauNVO, BImSchG und GIRL sind auf seiner Seite.“ Für Nicht-Juristen verbergen sich hinter diesen kryptischen Buchstabenkombinationen das Bundesbaugesetz, die Baunutzungsverordnung, das Bundes-Immisionsschutzgesetz und die Geruchs- und Immissionsrichtlinie. Auch die TA Lärm, eine letztmals 1998 novellierte Verwaltungsvorschrift, hatte in den Jahren, in denen sie aufgestellt wurde, eine andere Absicht. Heute, so war man sich einig, behindert sie notwendige Schritte in der Stadtentwicklung – etwa bei der Schaffung von neuem Wohnraum.

Die gesellschaftliche Debatte muss also bereits erlassene Gesetze vor der Perspektive des kontinuierlichen Einwohnerzuwachses in den Städten möglicherweise nochmals in Frage stellen. Der Journalist Christian Hunziker zitiert etwa in einem Magazinbeitrag auf www.zivilarena.de den Frankfurter Verwaltungsrechtler Thomas Schröer, der im deutschen Planungsrecht den neuen Gebietstyp eines innerstädtischen Wohngebietes fordert, um Lärm innerhalb des städtischen Lebens angemessen relativieren zu können.

Keine Zukunft für Stadtquartiere ohne Kinder und Jugendliche

Nicht unwichtig ist – mit Blick auf die immer wieder veränderten Leitlinien des Städtebaus in den zurückliegenden Jahren – die Frage nach der nachhaltigen Perspektive für gemischtere Innenstadtquartiere. Von einigen der Fachleute wurde immer wieder auch kritisiert, dass die Erwartungen an gemischt genutzte Quartiere nicht zu hoch sein dürfen. Sie können weder alle sozialen Spannungen in der Stadt auflösen, noch werden sie den Verkehr vollkommen abschaffen. Vieles muss auch noch in Zukunft anpassungsfähig bleiben und nicht schon heute gelöst werden. Aber gerade für Kinder und Jugendliche muss schon heute etwas geändert werden. Philippe Cabane, Soziologe und Städteplaner aus Zürich findet deutliche Worte, wenn er sagt, „In städtischen Kontexten fehlt es an Toleranz (Lärm) und Freiraum (Sicherheit) für Kinder. Die heute stark zunehmende Verordnung von Psychopharmaka als Kompensation kann keine Lösung sein. Es braucht reale und mentale Freiräume für Kinder.“

Der Expertenkreis:

  • Frau Kay de Cassan, Fachbereich Wirtschaft d. Stadt Hannover
  • Frau Prof. Dr. Maren Harnack, FH Frankfurt a.M., Städtebau
  • Frau Dr. Sigrid Wienhues, Graf von Westphalen, Öffentl. Baurecht
  • Herr Prof. Dr. Wilhelm Bauer, Fraunhofer IAO, Arbeit/Gesellschaft
  • Herr Philippe Cabane, Stadtplaner und Soziologe
  • Herr Dr. Michael Denkel, AS&P, Stadtplaner
  • Herr Prof. Phillip Goltermann, Drees & Sommer, Projektmanagem.
  • Herr Dr. Rolf Hüttmann, Masuch + Olbrisch, Verkehrsplanung
  • Herr Reiner Nagel, Senatsverwaltung Berlin, Stadtplanung
  • Herr Dr. Markus Vogel, Berater für Immobilienwirtschaft

Online-Bürgerdialog vom 12. September bis 2. Oktober

„Mehr Mut zur Mischung in den Städten!“ wird ab dem 12. September auf www.zivilarena.de deutschlandweit diskutiert. Eingeladen sind dazu alle Bürgerinnen und Bürger, die sich durch Konflikte aus Nutzungsmischungen gestört fühlen und ihren Ärger zum Ausdruck bringen wollen. Gewünscht sind aber ebenso die Stimmen, die den Aufruf zu mehr Mut in den Städten definitiv befürworten.Die Moderation übernimmt der Kulturwissenschaftler Timo Meisel.Begleitet wird dieser Bürgerdialog von denselben Experten, die im Fachdialog bereits den Rahmen für den Disput definiert haben.

Hintergrundinformation:

Zivilarena ist ein neues Berliner Unternehmen, das im Juni an den Start gegangen ist, um ‚Die Plattform für Partizipation’ zu werden. Das Thema einer intensiveren urbanen Nutzungsmischung wird im Auftrag der Aurelis Real Estate GmbH & Co. KG diskutiert, einem Unternehmen, das in der deutschen Stadtplanung nicht unbekannt ist. In fast allen Großstädten findet Wachstum auf Aurelis-Grundstücken statt. Dazu gehören das Europaviertel West in Frankfurt, die Neue Mitte Altona in Hamburg, das Stadtquartier Am Hirschgarten in München oder Le Quartier Central in Düsseldorf.

Pressekontakt für Zivilarena:
Axel Pfennigschmidt
pfennigschmidt@zivilarena.de

Kontakt für die Presse

Susanne Heck

Leiterin Marketing & Kommunikation

susanne.heck@aurelis-real-estate.de +49 6196 5232-140