19.12.2017 von Jan-Hendrik Goldbeck

Serielles Bauen: Das System ersetzt den Menschen nicht

Etwas ist anders auf den Baustellen von Goldbeck. Sie wirken aufgeräumt und klar strukturiert. Die Gebäude wachsen extrem schnell in die Höhe. Und wo sind überhaupt die Betonmischer? Deutschlands größtes Bauunternehmen in Familienhand macht einiges anders als seine Mitbewerber. Geschäftsführer Jan-Hendrik Goldbeck gibt Einblicke.

Stellen Sie sich vor, Sie möchten ein präzises Werkstück fertigen. Und das nicht nur einmal, sondern – in Varianten – immer wieder. Sie werden schnell feststellen, dass dafür ein gut ausgestatteter Arbeitsplatz das A und O ist. Die Werkzeuge und Rezepturen liegen parat, Sie arbeiten ungestört von Wind und Wetter, haben Ihre Arbeitsumgebung perfekt für alle Handgriffe eingerichtet. Das funktioniert auch beim Bauen.

Dieses sogenannte serielle Bauen oder besser Bauen mit System kann für unterschiedliche Gebäudetypen eingesetzt werden – für Hallen, Parkhäuser und Büros. Dabei werden Gebäude aus industriell vorgefertigten Systemelementen zusammengesetzt. Diese entstehen in Stahl- oder Betonfertigteilwerken, passen exakt zusammen und werden auf der Baustelle nur noch montiert. Die Werke produzieren als „Baufabriken“ zum Beispiel Fachwerkträger für Hallen und Außenwandelemente für Bürogebäude. Gerade bei Wandelementen zeigen sich die Vorteile des seriellen Bauens deutlich: Schon im Werk werden Fenster, Sonnenschutz und Elektrik eingebaut. Weil damit – und mit vielen anderen systematisierten Abläufen – zeitraubende Prozesse auf der Baustelle eingespart werden, können zehntausend Quadratmeter Bürofläche in zehn bis zwölf Monaten geplant und gebaut werden. Generell funktioniert das Bauen mit System überall dort, wo die Faktoren Kosten, Terminsicherheit, Qualität und Risikominimierung eine Rolle spielen. Vor allem bei der vom Bauboom erzeugten Ressourcenknappheit sind planbare und verlässliche Abläufe das A und O für Bauherren. Doch natürlich hat das Bauen mit System auch seine eigenen Herausforderungen: Für den Bauherrn gilt es, viele Entscheidungen schon in einer – im Vergleich zu konventionellem Bauen – frühen Projektphase zu treffen: Wie soll die Fenstereinteilung aussehen? Wo müssen aussteifende Wände liegen? Nur dann greifen die Vorteile der frühen, umfassenden Planung und der Vorfertigung.

Digital vernetzt


Das Bauen mit System, das serielle Bauen, spart Zeit und Kosten. Es sorgt für gleichbleibende Qualität. Und es bietet gute Bedingungen dafür, die Vorteile der Digitalisierung zu nutzen – mit weiteren Zeit- und Kostenvorteilen. Damit ist vor allem BIM (Building Information Modeling) gemeint, eine Planungsmethodik, die dafür sorgt, dass sich die einzelnen Fachdisziplinen noch besser aufeinander abstimmen können. BIM „realisiert“ Gebäude vorab digital und zeigt optimale Abläufe, aber auch potenzielle Abstimmungsprobleme schon in der Planungsphase. Per BIM können Arbeitsprozesse parallelisiert, energetische Konzepte getestet und Kollisionen vermieden werden. Bauprozesse werden transparenter. Unsere planenden Fachexperten – das betrifft über 1.000 unserer insgesamt 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – nutzen BIM bereits.

Optimal ist es, wenn die Systembauteile und -details auch digital verfügbar sind. So ist es schon heute möglich, weitaus mehr als nur die Dimensionen Länge, Höhe und Breite in den Modellen der verschiedenen Fachbereiche abzubilden. Stattdessen werden vielfältige Informationen zu einer ganzheitlichen Datenplattform zusammengefügt. Und vor diesem ganzheitlichen Hintergrund können viele Planungs- und Prüfungsschritte in Zukunft automatisiert ablaufen – mit Algorithmen, die „abarbeiten“ und mit dem Menschen an den neuralgischen Kontroll- und Steuerungsstellen.

Mensch und/oder Maschine?


Doch mit BIM allein ist das Thema „Digitalisierung“ für die Baubranche noch nicht erschöpft. Bauen wird zunehmend zu einem Hightech-Prozess. Ich bin davon überzeugt, dass Baustellen künftig digital organisiert und betreut werden. In den kommenden Jahren wird es nach und nach zu einer weiteren Automatisierung kommen. Der Einsatz von Tablets zur Steuerung und Kontrolle der Baustelle ist dabei erst der Anfang. Kameradrohnen mit Verbindung zur BIM-Datenbank, Lade- und Transportvorgänge per Roboter – alles ist vorstellbar. Und ideal mit dem seriellen Bauen zu vereinen. Doch ganz klar ist: Der Mensch wird weder aus der Planung noch von der Baustelle verschwinden. Es muss eine Zusammenarbeit von Mensch und Maschine geben. Denn Kreativität ist etwas zutiefst Menschliches. Und darum geht es beim Bauen natürlich auch. Bei aller Systematik darf die Individualität eines Gebäudes nicht außer Acht gelassen werden. Das Motto sollte sein: Unsichtbares wird systematisiert, Sichtbares wird individualisiert. So spiegelt zum Beispiel ein Bürogebäude in Stil, Form und Farbe ganz individuell das Corporate Design wider, während die technischen Lösungen vielfach erprobt und bewährt sind. Generell stellen wir fest, dass der Wunsch nach flexibel nutzbaren Gebäuden zunimmt – vor allem bei den Bürogebäuden, aber auch im Produktions- und Logistikbereich. Doch beim Bauen mit System schließen sich Individualität und Flexibilität nicht aus. Im Gegenteil: Erweiterungs- oder Umnutzungsmöglichkeiten sind systemimmanent. So bleiben Individualität und Flexibilität jeder Immobilie gewährleistet.

Schließlich: Im Kontext „Individualität“ ist es wichtig, nah beim Kunden zu sein. Bauen ist vor allem ein regionales Geschäft. Und die individuelle und standortorientierte Betreuung der Kunden kann ohnehin kein System ersetzen.

Jan-Hendrik Goldbeck, Geschäftsführer Goldbeck GmbH
Susanne Heck
Leiterin Marketing & Kommunikation
Mergenthalerallee 15-21
65760 Eschborn
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