19.12.2017 von Frank Jainz

Die fünf Dimensionen des Bauens

Es wird gebaut wie lange nicht mehr. Überall drehen sich die Kräne. Aber Baustellen werden heute anders organisiert, die Digitalisierung hat Einzug gehalten. Frank Jainz, Geschäftsführer PORR Deutschland GmbH, gibt uns einen Überblick über die Zukunftsthemen der Branche.

Das Unternehmen PORR ist seit 1980 auf dem deutschen Markt aktiv. Wie haben sich das Bauen und die Branche seitdem verändert?

Da gibt es sehr viele Faktoren. An die Stadt werden heute ganz andere Anforderungen gestellt als vor 35 Jahren. Bebauungsstrukturen verändern sich, werden wieder dichter. Logistik rückt näher an den Endkunden heran. Auch die Anforderungen an Menschen, Technik und Arbeitsabläufe haben sich in den letzten Jahrzehnten gravierend geändert.

Die Bauindustrie selbst steht an einem fundamentalen Wendepunkt: Die Digitalisierung eröffnet völlig neue Perspektiven. Das Building Information Modeling (BIM) ist beispielhaft dafür. Seine vielen positiven Aspekte sind beeindruckend.

Wie lange nutzen Sie BIM bereits?

Wir befassen uns seit 2011 mit dem Thema und sind noch nicht am Ziel. Derzeit haben es sich 350 Mitarbeiter der PORR Design & Engineering in Österreich und Deutschland zur Aufgabe gemacht, alle Projekte in BIM zu planen und abzuwickeln. Gleichzeitig geben wir unsere Erfahrungen an den Softwarehersteller weiter, damit er sein Produkt weiter verbessern kann.

Und – sind Sie überzeugt?

Absolut, an BIM geht kein Weg vorbei, denn es ist ja sehr viel mehr als nur ein intelligentes 3-D-Modell. Wir denken fünfdimensional – neben der klassischen 3-D-Planung kommen die Komponenten Zeit und Kosten hinzu. BIM ist ein komplexes, ineinandergreifendes System, das die Kooperation mit allen Beteiligten auf der Baustelle erleichtert, die Effizienz und die Transparenz erhöht sowie die Kosten reduziert. Alle Projektbeteiligten können an dem Modell arbeiten und wenn es Änderungen gibt, hat jeder zur selben Zeit dieselbe Information.

Wir sind gerade dabei, Lean Management zu integrieren. Das steigert weiter die Effizienz und die Qualität beim Bauen und berücksichtigt außerdem den Aspekt, WIE wir miteinander arbeiten wollen, um bestmögliche Ergebnisse zu erzielen. Wir gehen davon aus, mit diesen Maßnahmen die Bau- und Planungskosten um ca. 10 Prozent reduzieren zu können.

Unser Ziel ist es, dass bis 2020 sämtliche Prozesse in der PORR weitgehend digitalisiert, größtenteils papierlos und somit höchst effizient sind. Von der Planung über die Kalkulation bis hin zur Umsetzung und zum Betrieb werden dann über BIM alle Infos in einem System erfasst.

Gibt es für Sie ein Mindest-Investitionsvolumen, um BIM einzusetzen?

Am Anfang waren das 50 Mio. Euro, aber aufgrund unserer guten Erfahrungen setzen wir es jetzt auch bei kleineren Projekten ein.

Nun kann man mit BIM nicht alle Probleme lösen. Es fehlt zurzeit an Fachkräften und an Material, Projekte werden dadurch nicht rechtzeitig fertiggestellt. Deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Ja, es gibt momentan in der gesamten Branche Engpässe in vielen Belangen. Wir müssen viel längere Vorlaufzeiten und Lieferzeiten einplanen. Das erfordert eine dezidierte Vorplanung und Arbeitsvorbereitung mit frühzeitigen Projektpartnerschaften. Außerdem muss man sich selbst helfen. So haben wir unter anderem ein neues Tochterunternehmen im Bereich der Haustechnik gegründet. Damit wollen wir Haustechnikleistungen mit eigenen Ressourcen vorhalten. Und mit unserer Recycling-Tochter PUT bereiten wir Abbruchmaterial zur Wiederverwendung auf.

Auch um den laufend steigenden Bedarf an Fachkräften zu decken, sind neue Wege gefragt. Es gilt, den Nachwuchs für das Bauen zu begeistern. Außerdem sind Frauen in der Baubranche deutlich unterrepräsentiert. Hier braucht es mehr Angebote zur Flexibilisierung der Arbeitszeit, um Privatleben und Beruf besser vereinbaren zu können. Dafür haben wir bei PORR einige Initiativen auf den Weg gebracht.

Ein weiterer positiver Aspekt der Digitalisierung: Der vermehrte Einsatz von Technologie steigert die Attraktivität der Bauberufe und schafft neue Berufsbilder. Hier schlummert eine der größten Chancen für unsere gesamte Industrie.

Welche Fähigkeiten im Bauwesen sind in Zukunft wettbewerbsentscheidend? Worauf sollten sich Unternehmen einstellen?

BIM erhöht die Transparenz über alle Leistungen hinweg bei allen Beteiligten – und niemand wird sich in Zukunft dieser Transparenz entziehen können. Das bedeutet gleichzeitig, dass der Preisdruck auf diejenigen, die BIM nicht im Repertoire haben, massiv ansteigen wird. Auch der damit verknüpfte Servicegedanke wird sich noch mehr verbreiten als bislang.

Doch stellt sich auch die Frage, wem die Daten aus BIM eigentlich „gehören“. Und wer für deren Aufbereitung bezahlt. Hier stehen wir erst am Anfang. Die Rollen müssen noch exakt definiert werden. Klar ist aber auch: Die Digitalisierung zum Nulltarif wird es nicht geben.

Ist industrielles Bauen für Sie ein Thema?

Das ist in Deutschland bei Hochbauprojekten noch nicht sehr verbreitet. Die Beauftragung von Planungen bei Architekturbüros und die umfassende Serienfertigung von Bauteilen passen derzeit nicht zusammen. Bei der PORR nutzen wir industrielle Vorfertigung eher im Rahmen von Betonfertigteilen für den Tiefbau.

Rechnen Sie damit, dass der derzeitige Bauboom anhält?

Im Laufe des Jahres 2017 sind die Zahlen der erteilten Baugenehmigungen zwar zurückgegangen. Allerdings wird der Bedarf gerade an Wohnimmobilien in den Großstädten wie Berlin, Düsseldorf/Köln, Frankfurt, Hamburg oder München anhalten. Dieser Markt ist noch lange nicht gesättigt und wird sich auf einem hohen Niveau einpendeln. Und wenn die Zusagen der Politik für einen Investitionsschub im Verkehrswegebau eingehalten werden, dann wird das auch den Bau im Infrastrukturbereich fördern.

Frank Jainz, Geschäftsführer PORR Deutschland GmbH
Susanne Heck
Leiterin Marketing & Kommunikation
Mergenthalerallee 15-21
65760 Eschborn
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