15.12.2016

Startups: in aller Munde und doch ungeliebt?

Die Anzahl an Existenzgründungen hierzulande geht Jahr für Jahr zurück. War Berlin lange die löbliche Ausnahme, so flacht der positive Trend seit 2012 auch in der Hauptstadt ab. Das geht aus Statistiken des Bonner Instituts für Mittelstandsforschung (IfM)* hervor. Diese Entwicklung ist bedenklich, denn eine starke Wirtschaft speist sich auch aus immer wieder neuen Geschäftsideen und -modellen.

Die HHL Leipzig Graduate School of Management hat die Ursachen untersucht und im November 2016 eine Analyse des Gründungsgeschehens in Deutschland** herausgegeben. Dafür wurden Daten aus verschiedenen bestehenden Studien ausgewertet und Experten aus Forschung und Gründerszene interviewt. 

Viel Bürokratie – wenig Kapital

Der überwiegende Teil der Befragten gab eine mangelnde „Kultur des Scheiterns“ in Deutschland (79 %) als Grund für den Rückgang von Unternehmensgründungen an. Das Sicherheitsbedürfnis sei ausgeprägt, zudem fehle es an Kapital. Ähnlich sehen es die Gründer*** selbst, die sich neben dem einfacheren Zugang zu Risikokapital vor allem einen geringeren bürokratischen Aufwand wünschen.

Dass dieser Aufwand in Deutschland hoch ist, bestätigt die HHL-Analyse: mit 10,5 Tagen liegt er wesentlich höher als in Frankreich (4,0 Tage) oder Großbritannien (4,5 Tage). In Kanada benötige man für die Formalitäten noch weniger Zeit – nur 1,5 Tage.
Auch bei der Vergabe von Venture-Capital (Risikokapital) steht Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern ganz hinten, stellten die Leipziger fest. Nur etwa 6 % aller Gründer profitieren hierzulande von Beteiligungskapital. Deutschland investiert ca. 0,025 % seines BIP in Venture-Capital und steht damit auf Platz 13 von 15 Ländern, dahinter folgen nur noch Österreich und Luxemburg. Im Vergleich: Schweden vergibt gemäß dem HHL-Bericht 0,065 % seines BIP als Risikokapital. So erklärt sich auch, dass der überwiegende Teil der hiesigen Gründer für den Firmenaufbau auf private Darlehen oder Geldgeschenke zurückgreifen muss.

Gründerkultur fördern

Eines ist klar: Einem Land geht viel Innovations- und Wachstumspotenzial verloren, wenn junge Unternehmer nicht gefördert werden. Die Bundespolitik muss die Basis legen, um das Startup-Klima in Deutschland zu verbessern. Doch auch in den einzelnen Kommunen kann Entscheidendes dazu beigetragen werden. Wir wollten herausfinden, was außerhalb Berlins bereits getan wird und haben mit den Wirtschaftsförderungen in Aachen, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt und Wolfsburg gesprochen.

Das Stichwort ist Entrepreneurship Education

Die Zusammenarbeit mit Hochschulen wird von den Wirtschaftsförderungen als essentiell beschrieben und bereits umgesetzt. So ist die Wirtschaftsförderung Dresden gemeinsam mit den Dresdner Hochschulen im Rahmen der Initiative dresden exists tätig. Die Initiative ging aus der TU Dresden und der HTW Dresden hervor und ist in die Strukturen der Hochschulen integriert. Startups werden hier bei ihren Gründungsvorhaben aus der Wissenschaft begleitet und unterstützt, von der ersten Idee bis zur Umsetzung. Schon während des Studiums werden potenzielle Gründer ermutigt, ihre Idee in die wirtschaftliche Realität umzusetzen.
In Düsseldorf arbeitet die Wirtschaftsförderung über das Hochschulnetzwerk Düsseldorf gezielt mit der Heinrich Heine Universität, der Hochschule Düsseldorf und der WHU – Otto Beisheim School of Management zusammen, um Startups ein möglichst ideales Ökosystem am Standort zu bieten. Hier profitieren die Gründungswilligen von Beratungsangeboten und gemeinsamen Events, die die Vernetzung hochschulübergreifend verbessern. Die Startups aus den Universitäten können sich außerdem um einen Mietzuschuss in Coworking-Spaces bewerben.
Auch die Wirtschaftsförderung Aachen berichtet Positives von der Zusammenarbeit mit der Hochschule. Zum einen verbessere es die Qualität der Gründungen, wenn das Startup aus der Hochschule hervorgeht, da die Gründer von einem professionellen Netzwerk unterstützt werden. Zum anderen halten Startups den Kontakt zur Hochschule auch nach der Gründung aufrecht, um sich den Zugang zu qualifiziertem Personal zu erhalten.

Netzwerke aufbauen

Dass Startups ein stabiles und gut vernetztes Ökosystem benötigen, um sich zu etablieren und weiter zu wachsen, ist in den Kommunen bekannt. Entsprechend groß sind deshalb auch die Bemühungen, ein professionelles Netzwerk aufzubauen. In Frankfurt gibt es beispielsweise ein breit aufgestelltes Beratungsangebot für Gründer in unterschiedlichen Entwicklungsstufen. Die Wirtschaftsförderung hat hier mit Hilfe von 12 lokalen Partnern ein starkes Netzwerk aufgebaut. Im Gründerzentrum der Wirtschaftsförderung, der Kompass gGmbH, erhalten Startups und alle, die es noch werden wollen, bereits seit 16 Jahren ein umfassendes Beratungsangebot. Und dieses wird auch genutzt: Rund 1.000 Gespräche werden pro Jahr geführt. Immerhin 180 Interessierte ließen sich im vergangenen Jahr ermutigen und wagten tatsächlich den Schritt zur Unternehmensgründung.

Günstigen Mietraum schaffen

Startups verfügen in der Regel über ein geringes Budget. In der Folge sollten Fixkosten, zum Beispiel Mieten für Büroraume, niedrig ausfallen. Ein Großteil der Gründer fordert zudem Flexibilität bei den Mietvertragslaufzeiten. Wie kann die Kommune dies unterstützen? Ein Vorzeigeprojekt kommt hier aus Wolfsburg: das Schiller 40. Es ist der erste kommunal geförderte Coworking-Space in Deutschland. Im Schiller 40 arbeiten vorrangig Kreative, die neben den klassischen Arbeitsplätzen und Meetingräumen auch einen 3D-Drucker, eine Werkstatt und ein Tonstudio vorfinden. Die Räume liegen zentral und sind mit allen Verkehrsmitteln sowie zu Fuß gut erreichbar. Die Kosten sind moderat und für die Gründer vertretbar. 

Startups sind wichtiger denn je

Das Erwerbsleben verändert sich. Und zwar immer schneller. Die Digitalisierung wird Geschäftsmodelle und Arbeitsprozesse massiv verändern. Noch ist nicht klar, wie groß der Anteil an Tätigkeiten sein wird, der künftig von Maschinen übernommen werden kann. Deshalb ist das Fördern neuer Geschäftsideen doppelt wichtig: zum einen, um Innovationspotenzial am Standort zu halten, zum anderen, um Arbeitsplätze für die Zukunft zu sichern. Gerade im Vergleich zu anderen Ländern muss Deutschland noch viel tun, um international nicht abgehängt zu werden. Der Bundesverband Deutsche Startups e. V. wirbt seit seiner Gründung 2012 für eine nationale Startup-Agenda und für die Zusammenarbeit von regionalen Initiativen, Branchenverbänden, Institutionen, Unternehmen und der Politik. Eine wichtige Voraussetzung, damit uns in Deutschland die Wirtschaftskraft erhalten bleibt. Denn kommunale Einzelinitiativen sind zwar wichtig, können aber keinen bundesweiten Trend umkehren. 

 

* IFM (2016). Statistik der Gründungen und Unternehmensschließungen. Abgerufen von http://www.ifm-bonn.org/statistiken/gruendungen-und-unternehmensschliessungen/ am 05.12.2016

** HLL (2016). Analyse des Gründungsgeschehens in Deutschland. Abgerufen von http://www.hhl.de/fileadmin/texte/publikationen/studien/LS_Innovation/Analyse_des_Gruendungsgeschehens_in_Deutschland.pdf am 05.12.2016

*** Zur besseren Lesbarkeit wurde bei Personenbezeichnungen die männliche Form gewählt.

Susanne Heck
Leiterin Marketing & Kommunikation
Mergenthalerallee 15-21
65760 Eschborn
file_download