15.12.2016 von Thomas R. Villinger

„Chillen gehört zum Arbeitsleben dazu“

Innovative Unternehmensgründungen sind nicht auf Silicon Valley beschränkt. Wie gelingt es, in Deutschland als Standort vorne zu sein … wenn man nicht Berlin ist? Welche Initiativen sind erfolgreich, um kreative Unternehmensgründer anzuziehen? Wonach verlangen Startups und Jungunternehmer ganz konkret, wenn sie sich in einer Stadt ansiedeln? Der Geschäftsführer des Zukunftsfonds Heilbronn, Thomas R. Villinger, berichtet über eine Stadt, die von der Einwohnerzahl zwischen Bottrop und Paderborn liegt und die trotzdem schon sehr viel erreicht hat.

Können Sie uns kurz den Zukunftsfonds Heilbronn erklären? 
Wir beteiligen uns als unternehmerischer Partner an jungen Technologieunternehmen, um sie an den Standort Heilbronn zu binden. Das tun wir zum einen als Risikokapitalgeber und zum anderen als strategischer Berater, der auch Kontakte zum Netzwerk der Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken herstellt. Das Kapital kommt aus unserem Fonds, der ausschließlich privat finanziert ist. Es ist ein sogenannter Evergreen-Fonds ohne Laufzeit und ohne festgelegten Exit. Das unterscheidet uns von anderen Venture-Capital-Gesellschaften. Wir begleiten die Unternehmen, bis sie aus eigener Kraft wachsen und sich am Markt stabilisiert haben. Und wenn wir ein Unternehmen verkaufen, fließt das Kapital in den Fonds zurück.

Wie kam es zur Gründungsidee des ZFHN?
Unsere Idee vor elf Jahren war es, die Monostruktur in der Stadt aufzubrechen. Wir hatten damals einen ausgeprägten Schwerpunkt auf dem Automotive-Bereich. Den wollten wir durch neue Branchen und junge Unternehmen ergänzen. Die neuen Tätigkeitsschwerpunkte kommen aus den Bereichen Energie und Umwelt, IT und Kommunikation, Biotechnologie und Pharmazie sowie Medizintechnik. 

Es gibt ja noch andere, ähnliche Institutionen: Die Innovationsfabrik Heilbronn, eines der größten Gründer- und Technologiezentren Baden-Württembergs, ist mit der Wirtschaftsförderung verbunden. Das Venture Forum Neckar bringt Startups mit Business-Angels und mittelständischen Unternehmen aus der Region zusammen. Arbeiten Sie mit diesen Institutionen zusammen?
Die habe ich beide noch vor dem Zukunftsfonds Heilbronn gegründet. Die Idee, Plattformen einzurichten, die Startups gezielt durch Know-how, Kontakte und Kapital unterstützen, hatte ich von meinen Reisen in die USA mitgebracht. Wir machen uns aber keine Konkurrenz, sondern ergänzen uns sehr gut. Das Ziel ist ja das gleiche: den Standort zu stärken. Denn alle Unternehmen, die wir fördern, müssen sich vertraglich verpflichten, sich hier anzusiedeln.

Von welchen Größenordnungen sprechen wir denn bei der Förderung?
Der Fonds verfügt über einen dreistelligen Eurobetrag. Wir investieren in eine Firmenbeteiligung zwischen 500.000 und 10 Mio. Euro. Pro Jahr bewerben sich ungefähr 400 Unternehmensgründer bei uns. Wir ziehen davon im Durchschnitt 120 in die engere Auswahl und entscheiden uns zu guter Letzt für 5 Beteiligungen pro Jahr. 
Seit der Gründung des ZFHN im Jahr 2005 haben wir 13 Unternehmen nach Heilbronn geholt und sind im Moment an insgesamt 14 Unternehmen beteiligt. Zurzeit liegen deren Umsätze bei insgesamt ca. 100 Mio. Euro und es werden inzwischen ca. 450 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt. Das ist für eine Stadt mit rund 123.000 Einwohnern ein schöner Erfolg.

Gab es besonders erfolgreiche Gründerideen, die ihren Ursprung in Heilbronn hatten?
Die gab es und die gibt es auch immer wieder. Erst im Oktober haben wir bekanntgegeben, dass wir die XENIOS AG an Fresenius Medical Care verkauft haben. Die XENIOS AG entwickelt hochmoderne Medizintechnik zur Behandlung von Herz- und Lungenerkrankungen. Und zu Fresenius muss ich ja eigentlich nichts mehr sagen. Wir sind enorm stolz darauf, dass wir solch einen Weltmarktführer nach Heilbronn ziehen konnten. 

Es heißt ja, dass kaum eine Stadt derzeit so viel Geld in den Neubau und die Stadtentwicklung investiert wie Heilbronn. Ist Heilbronn besonders initiativ, um sich als Innovationsstandort zu positionieren? 
Das ist definitiv der Fall. Die Aktivitäten der Dieter-Schwarz-Stiftung, die 1999 gegründet wurde, waren eine Art Initialzündung. Ihr Ansatz war und ist es, die Entwicklung von Heilbronn zur Wissensstadt voranzutreiben. Mit der Stiftung sind so großartige Projekte entstanden wie der Bildungscampus für lebenslanges Lernen, die GGS Business School für Manager und Nachwuchsführungskräfte oder die Lern- und Erlebniswelt experimenta, die einen interaktiven Zugang zu Naturwissenschaften und Technik ermöglichen soll. Durch diese und andere vergleichbare neue Einrichtungen hat sich in der Stadt nach und nach die Stimmung verändert: Die Heilbronner sind mehr und mehr stolz auf ihren Standort. Wir haben gelernt, Chancen zu ergreifen. 

Haben Sie ein Beispiel?

Ja. Die BUGA 2019 nutzen wir bspw. nicht nur, um Heilbronner Gartenkunst zu zeigen. Sie ist für uns auch Anlass, um Teile des Stadtgebiets neu zu gestalten, Stadtteile westlich und östlich des Neckars besser miteinander zu verbinden und den Fluss stärker in die Planung einzubeziehen. So entsteht nach und nach ein neues Stadtquartier, der Neckarbogen. Weitere Stadtreparaturarbeiten, neue Grünflächen sowie Fuß- und Fahrradwege und eine landschaftliche Aufwertung des Technologieparks Wohlgelegen sind geplant.

Welche Faktoren oder Konstanten müssen gegeben sein, damit sich Startups irgendwo ansiedeln? 
Viele Erkenntnisse dazu habe ich in den USA gewonnen. Als Erstes stelle ich immer wieder fest, dass ein Standort nicht zu exklusiv sein darf. Alte Liegenschaften sind viel spannender als neue und regen die Kreativität mehr an. Wenn man ein Gebäude mit Loftcharakter bieten kann, ist das im wahrsten Sinne des Wortes die halbe Miete. Lofts sind ein Inkubator. Ist man dann noch Teil einer sogenannten Crowded Area, also einer Ansammlung von Gründern aus allen möglichen Bereichen, dann wird es richtig interessant. Konkurrenz untereinander gibt es in diesen Hubs nicht. Man versteht sich als Kollegen, die neue Arbeits- und Denkweisen umsetzen wollen. Wie in unserem Technologiepark Wohlgelegen, den wir für die Beteiligungsfirmen des ZFHN gegründet haben.

Gibt es ganz konkrete Ausstattungsmerkmale, die nachgefragt werden?
Wichtig ist die Möglichkeit zur Vernetzung, zum schnellen Austausch nach innen und nach außen: auf der einen Seite Desk-Sharing, Meetingräume, Sozialräume und Recreation Areas, auf der anderen Seite Breitband-Internetzugang, Glasfaserkabel und optimale Mobilität. 
Und da bekanntlich Arbeit und Freizeit kaum noch voneinander zu trennen sind, fordern die Arbeitenden auch Unterstützung bei der Lebensorganisation: Die Einkäufe werden an den Arbeitsplatz gebracht, der Reinigungsdienst sorgt für saubere Kleidung, das Essen kommt vom Lieferservice und wird lieber in Loungemöbeln als im Restaurant eingenommen. Die Kantine von einst ist megaout. Geht man ins Café, so sollte es zu Fuß erreichbar sein. Überhaupt: Das Chillen gehört inzwischen zum Arbeitsleben dazu. Es hat nicht mehr diesen Beigeschmack von nutzlosem Abhängen, sondern wird inzwischen mehr als „Kraft tanken“ verstanden, „Freiraum im Kopf schaffen“ für ungewöhnliche Ideen. So, wie ich es erlebt habe, klappt das auch.

Was kann die Immobilienwirtschaft tun, um die Bemühungen um Startups und Jungunternehmer zu unterstützen? 
Das ist eine schwierige Frage. Ich habe festgestellt, dass jede Branche unterschiedliche Anforderungen hat. Biotechnikunternehmen zum Beispiel brauchen viele Labor- und Reinräume, IT wiederum sucht eine enge räumliche Nähe für intensiven Austausch. Bei allen ist Flexibilität und Variabilität zum Wachsen und Schrumpfen der Unternehmenseinheiten gefragt. 
Was ich wirklich beklage in Heilbronn: Es gibt zu wenig Lofts. Bei aller Lebensqualität, die wir hier ansonsten haben … Sterile Büro- und Gewerbeparks jedenfalls finden keinen Anklang. Zumindest in der Gründungsphase nicht. Junge Unternehmerinnen und Unternehmer finden es ganz cool, im Sommer zu schwitzen und im Winter zu frieren, wenn die Location nur preiswert, mit Glasfaser ausgestattet und chillig ist. Erst später, wenn die Firma erfolgreicher ist, freut man sich dann auch mal über eine Klimaanlage. 

Herr Villinger, vielen Dank für das Gespräch.

Thomas R. Villinger, Geschäftsführer des Zukunftsfonds Heilbronn
Susanne Heck
Leiterin Marketing & Kommunikation
Mergenthalerallee 15-21
65760 Eschborn
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