15.05.2017 von Peter Sutterlütti

"Das kann die Logistikwelt verändern!"

Gerade in Clusterregionen nimmt der durch Logistikfahrzeuge verursachte Verkehr immer mehr zu. Die Folge sind verstopfte Autobahnen und Landstraßen. Auch die Innenstädte haben darunter zu leiden. Ein Projekt aus der Schweiz soll hier Abhilfe schaffen: Cargo sous terrain. Peter Sutterlüti, Präsident von Cargo sous terrain, berichtet, welche Veränderungen das unterirdische System für die Logistikwelt mit sich bringt.


Herr Sutterlüti, erklären Sie uns kurz die Idee, die hinter Cargo sous terrain steht.

Wir verstehen Cargo sous terrain (CST) als innovatives Gütertransportsystem, das ab 2030 die Transportinfrastruktur der Schweiz verbessern wird. Mittelfristig kann es die Logistikwelt verändern. CST schafft in der Schweiz einen neuen Verkehrsweg unter der Erde, der ausschließlich Gütern vorbehalten ist und den knappen Straßen- und Schienenraum entlastet. Dabei läuft alles vollautomatisch: Die Güter werden auf unbemannten elektrischen Fahrzeugen von den Logistikzentren – den sogenannten Hubs – über Schächte mit Liften in das unterirdische System gebracht und so auch wieder entnommen. Im Tunnel gliedern sich die Fahrzeuge automatisch in den dreispurigen Verkehr ein und fahren zu ihrem Bestimmungsort. Von dort werden die Güter im Stadtraum mit umweltfreundlichen, soweit möglich selbstfahrenden Fahrzeugen verteilt.
 
Wie finanziert sich das Projekt? Und wer ist daran beteiligt?

Die Planung und der Bau von CST sind komplett privatwirtschaftlich finanziert und darum marktnah. Unter den Partnern von CST, die die Machbarkeitsstudie und die Vorarbeiten zur Realisierung finanzieren, finden sich führende Schweizer Firmen aus den Branchen Einzelhandel, Transport und Logistik, Bau und Immobilien, Finanzwesen, Software, Energie und Nachhaltigkeit. Wir arbeiten auf der Basis eines soliden Businessplans und sind gegenwärtig auf Investorensuche für die Planung und Baubewilligungsphase des CST-Systems.
 
Ist mit CST ein 24-Stunden-Betrieb an 7 Tagen in der Woche möglich?

Grundsätzlich ja. Das Gesamtsystem – von den Hubs bis zur Auslieferung in der City und umgekehrt – wird durch ein intelligentes Steuerungssystem gelenkt. Das heißt, die Verteilung wird kontinuierlich überwacht und kontrolliert. Bei Störungen kann das System eigenständig reagieren, ohne den Warenfluss zu beeinträchtigen.

Um dies gewährleisten zu können, muss das System regelmäßig gewartet werden. Das wird aber nicht bei Vollauslastung durchgeführt, sondern beispielsweise nachts.
 
Deutsche Kommunen sehen KEP-Dienstleister nicht gerne in Innenstadtnähe. Gibt es diesen Konflikt auch in der Schweiz?

Da die Hubs außerhalb der Stadtzentren liegen werden, ist das kein Problem. Zudem reduziert CST den städtischen Verkehr zur Feinverteilung der Waren, weil die Güterströme, bereits im Tunnel gebündelt werden, was eine effizientere und koordinierte Distribution erlaubt. Das führt zu einer Glättung der Verkehrsspitzen.
 
Wie sieht es generell mit der Flächenverfügbarkeit aus? Sind in der Schweiz ausreichend Flächen vorhanden, die für eine Logistiknutzung zur Verfügung stehen?

CST benötigt kaum neue Flächen. Im Gegenteil werden durch die Nutzung des CST-Systems Flächen absehbar frei werden, weil CST die Güterverkehrsströme optimieren und den Bedarf an Logistik- und Bereitstellungsflächen dank dem kontinuierlichen palettenweisen Abtransport reduzieren wird. Die oberirdische Anbindung von CST geschieht weitgehend über bestehende Logistikzentren entlang der wichtigen Transportrouten, die ans Tunnelsystem angeschlossen werden.
 
Cargo sous terrain soll mit einem Spezialgesetz auf Bundesebene verabschiedet werden. Können Sie dazu schon Näheres berichten?

Das Gesetz wird gerade erarbeitet. Als Nächstes soll eine öffentliche Vernehmlassung * erfolgen, bei der Betroffene ihre Anliegen einbringen können. Das sind in unserem Falle Interessenverbände, Gemeinden und Kantone. Sollte es Anmerkungen geben, könnten diese in die Ausgestaltung des Gesetzes einfließen. Wie das Gesetz genau aussehen wird, ist heute noch nicht bekannt, aber es wird den Betrieb dieser neuartigen Transporttrasse gesamtschweizerisch einheitlich regeln.

Eine wichtige Bedingung wird die Diskriminierungsfreiheit sein – jedes Unternehmen, das seine Güter mit CST transportieren will, ist prinzipiell zugelassen. Zudem gelten für die angebotenen Leistungen jeweils nur die gleichen Bedingungen für alle Nutzer.
 
Um wie viel Prozent schätzen Sie, wird der Logistikverkehr durch CST reduziert?

Absehbar ist für die erste Teilstrecke von CST eine Reduktion von 20 % des schweren Güterverkehrs auf den Autobahnen, die die selben Transportwege abdecken. Im Vollausbau, der die gesamte Schweiz nördlich der Alpen umfassen wird, sind es bis zu 40 %. Und auch in den Städten wird der Verkehr erheblich reduziert.
 
Die Feinverteilung erfolgt weiterhin oberirdisch. Wie darf man sich dieses City-Logistik-System vorstellen?


Die Feinverteilung beginnt, sobald die Güter in den Hubs wieder an die Oberfläche kommen. Durch die Bündelung der Warenströme unterschiedlicher Produzenten und Verlader im CST-Tunnel ist die wichtigste Voraussetzung für eine funktionierende City-Logistik bereits erfüllt. Für den oberirdischen Transportweg richten wir ein System mit umweltschonenden und selbstfahrenden Fahrzeugen ein, um die Immissionen in den Ballungsräumen zu reduzieren.
 
Gibt es bereits Ideen zur architektonischen Gestaltung der Hubs? Wären beispielsweise auch Hybridgebäude möglich?

Wir schauen gegenwärtig mit Partnern aus dem Konsortium, welche Nutzungsmöglichkeiten bestehen. Grundsätzlich sind sehr interessante Synergien und mögliche Mehrfachnutzungen denkbar. Diese Abklärungen stehen erst am Anfang.
 
Wie kann die Immobilienbranche hier profitieren?

CST wird durch den kleinteiligen, kontinuierlichen Transport entlang der Supply Chain eine Dynamik auslösen, denn wir gehen davon aus, dass die Nachfrage an den entsprechenden Standorten steigen wird, sobald das System etabliert ist. Denkbar wären hier beispielsweise Produktionszentren, die von der direkten Einspeisung in die Hubs von CST profitieren könnten. Das ist dann immobilienrelevant.
 
Lässt sich diese Idee auch auf andere Länder übertragen, beispielsweise auf Deutschland?

Es ist sicher möglich und wünschenswert, dieses System auch in anderen Ländern einzuführen. Wenn es optimal auf die wirtschaftlichen Gegebenheiten vor Ort abgestimmt wird, sollte CST zu einem interessanten Schweizer Exportprodukt werden!

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Sutterlüti.

 

* Anhörung, 1. Begriff: Vernehmlassung ist eine (v.a. in der Schweiz) gebräuchliche Bezeichnung für eine Methode bzw. ein Verfahren der Willensbildung und Entscheidungsfindung in Non-Profit-Organisationen (NPO). Dort ist häufig eine Vielzahl von (auch ehrenamtlichen) Mitarbeitern und Gremien in Entscheidungsfindungsprozesse einbezogen. In der Grundsatzphase dieses Prozesses sind Vernehmlassungen ein probates Vorgehen.

2. Prozess: Bei einer Vernehmlassung werden die von einer zuständigen Projektgruppe erarbeiteten Grundsatzpapiere als Entwürfe vorgestellt, möglichst mit allen Stakeholdern der NPO (Träger, Mitarbeitende, Basisgruppen) diskutiert und mit deren Stellungnahme zustimmend oder ablehnend an die Projektgruppe zurückgegeben. Diese Arbeitsgruppe formuliert sodann unter Berücksichtigung der eingegangenen Änderungswünsche den endgültigen Text als Vorlage bzw. Antrag an die Entscheidungsorgane der NPO.

[Quelle: Springer Gabler Verlag (Herausgeber), Gabler Wirtschaftslexikon, Stichwort: Vernehmlassung, online im Internet: wirtschaftslexikon.gabler.de/Archiv/1579/vernehmlassung-v7.html]

Peter Sutterlütti, Präsident Cargo sous terrain
Susanne Heck
Leiterin Marketing & Kommunikation
Mergenthalerallee 15-21
65760 Eschborn
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