15.12.2016

Wirtschaftsförderungen neu denken: Coworking-Spaces in Kommunen

Gastbeitrag von Tobias Schwarz

Tobias Schwarz
Manager St. Oberholz

Coworking-Spaces funktionieren nicht nur in Großstädten. Welche Chancen sie in ländlichen Regionen eröffnen und wie gut Coworking im Ausland funktioniert, berichtet der Manager des St. Oberholz, Tobias Schwarz.

In Coworking-Spaces arbeiten Menschen unabhängig voneinander und teilen sich lediglich Infrastruktur und Ressourcen. Oft entwickelt sich daraus ein Austausch und im besten Falle eine Zusammenarbeit. Die Anfänge für diese Idee liegen in Berlin. Hier entwickelte das Hackerspace c-base seit 1993 viele Elemente, die heute die Grundlage für Coworking-Spaces darstellen, bspw. die gemeinsame Nutzung der Infrastruktur und freies WLAN. 

Im Sommer 2005 wurde dann in San Francisco das erste Coworking-Space der Welt gegründet. Kurz vorher hatte in Berlin das St. Oberholz mit einer besonderen Idee eröffnet: nicht nur ein Café zu sein, sondern den Gästen auch eine angenehme Atmosphäre zum Arbeiten zu schaffen. Das St. Oberholz war einer der wichtigsten Grundsteine für die heutige Startup-Szene in der Hauptstadt. Viele Startups hatten dort ihren Ursprung. Inzwischen verfügt das Café auch über spezielle Coworking-Space-Angebote mit Konferenzräumen, Event-Flächen und Apartments und ist an zwei Standorten in Berlin-Mitte vertreten.

Doch die Erfolgsgeschichte des St. Oberholz und anderer Berliner Coworking-Spaces, wie das betahaus in Kreuzberg oder das Agora in Neukölln, täuschen nicht darüber hinweg, dass die Politik diese Entwicklung sehr lange ignoriert hat und Coworking in Deutschland ein schwieriges Geschäftsmodell darstellt. Laut dem Coworking-Blog deskmag schreiben nur 20 Prozent der deutschen Coworking-Spaces schwarze Zahlen. Doch scheint das ein nationales Problem zu sein.

Ein Weg aus der Wirtschaftskrise: Coworking

Ganz anders sieht es nämlich in Frankreich und Spanien aus. Im Sommer 2015 bereiste ich für zwei Monate die europäische Coworking-Landschaft und besuchte rund 30 Coworking-Spaces in zehn verschiedenen Ländern. So, wie auch das Internet in jedem anderen Land Europas besser ist als in Deutschland, so steht es auch um die Coworking-Szene. Vor allem gilt dies in Ländern mit einer schwachen Wirtschaft oder nach einer Wirtschaftskrise. Coworking-Spaces sind der Ort, an dem neue Arbeitswelten und Unternehmen entstehen und wo Innovationen ihren Ursprung haben. Gerade strukturschwache Regionen können so eine eigene lokale Wirtschaftsszene entwickeln.
Beispiel Frankreich: Anders als in Deutschland mit seiner starken und von großen Unternehmen geprägten Wirtschaft stagniert die französische Wirtschaft seit rund fünf Jahren. Wer neu auf den Arbeitsmarkt kommt, hat oft die Wahl zwischen Arbeitslosigkeit und Selbstständigkeit. Wer auf eigenen Füßen stehen will, braucht einen Ort zum Arbeiten und geht in Coworking-Spaces. In Frankreich habe ich mehrere Coworking-Spaces gesehen, die sogar Kunden wegschicken mussten, da es an Platz fehlte.

Beispiel Spanien: Ein ähnliches Bild bietet sich in Barcelona, wo es inzwischen eine professioneller wirkende Coworking-Szene als in Berlin gibt. Manche Bezirksverwaltung hat in den Distritos der katalanischen Metropole gutes Quartiersmanagement betrieben. So sind in Wohngebieten innerhalb von historischen Gebäuden neue Arbeitsstätten entstanden. Die Viertel erinnern ein wenig an die „Berliner Mischung“ aus Wohnen und Gewerbe, Startups und Coworking-Spaces. So sind in einem wirtschaftlich nicht gerade prosperierenden Land neue Arbeitsplätze zugänglich gemacht worden.

Kommunen müssen Wirtschaftsförderung neu denken
Die Erfolge in Barcelona - auch aufgrund der intensiven Suche nach neuen Wegen während der Wirtschaftskrise - lassen sich aber nicht eins zu eins übertragen. Vor allem nicht auf Deutschland. Trotzdem sollten sich Kommunen, auch außerhalb Berlins, mit dem Thema Coworking näher beschäftigen. Unter Umständen lassen sich so die Probleme von mittleren und kleineren Städten sowie von ländlichen Regionen besser bewältigen. Hierbei ist die regionale Wirtschaftsförderung gefragt, mit Verbesserungen der Infrastruktur und gezielten Aktivitäten die Gründung von Coworking-Spaces zu erleichtern. Damit werden High Potentials und vielleicht ganz neue Branchen an den Standort gezogen.
In Deutschland ist Wolfsburg bisher eine der wenigen Kommunen, die sich des Themas auch praktisch angenommen hat. Zusammen mit der Wolfsburg AG hat die Stadt einen zentral gelegenen Coworking-Space für die lokale Kreativwirtschaft geschaffen. Die Immobilie dafür kam von der städtischen Wohnbautochter Neuland. Das Schiller40 ist deutschlandweit der erste kommunale Coworking-Space, der von der Stadtverwaltung geleitet wird.
Anstatt mit Steuergeschenken große Unternehmen anzulocken, die meist nur für die Phase der Förderung bleiben, sollten Kommunen lieber eigene Coworking-Spaces entwickeln. Zum einen könnten dadurch Menschen aus der Region neue Firmen gründen und somit Arbeitsplätze schaffen, zum anderen werden unter Umständen Neubürger angezogen, die ihren Beruf gleich mitbringen und sich als Steuerzahler vor Ort niederlassen.

Beispiel: Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt
Für den Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt, einer der strukturschwächsten und am dünnsten besiedelten Landkreise Deutschlands, habe ich eine mögliche Positionierung als Startup-Cluster im Zuge einer Beratungstätigkeit durchdacht. Eine wesentliche Voraussetzung dort ist allerdings, dass die Kreisstadt Stendal seit rund zwei Jahren über eine IC-Verbindung nach Berlin (45 Minuten) und Hamburg (90 Minuten) verfügt und somit verkehrstechnisch Anschluss an die Metropolen hat. Ohne geht es nicht.

Ein Coworking-Space in Stendal würde ortsunabhängig arbeitenden Menschen die Möglichkeit geben, aus den Großstädten aufs grünere und preiswertere Land zu ziehen. Dort könnten sie ihrer Arbeit in einem professionellen Umfeld nachgehen, hätten aber gleichzeitig die Möglichkeit, für Geschäftstreffen schnell in die Stadt zu fahren. Zudem könnten in einem gründerfreundlichen Umfeld auch die dort ansässigen Menschen ermuntert werden, Unternehmer zu werden.
Und um die Region noch attraktiver für Startups zu machen, plant der Landkreis Stendal, durch einen kommunalen Zweckverband beim Breitband-Internet europäische Spitzenwerte zu erzielen. 

Global betrachtet ist die Provinz ein Vorort der Metropole
Weltweit entwickelt sich eine Szene ortsunabhängig arbeitender Freelancer, oft digitale Nomaden genannt. Sie richten ihren Aufenthaltsort nach Kriterien wie „Bandbreite der Internetverbindung“ und „niedrige Lebenshaltungskosten“ aus. Sollten Städte wie Berlin oder Hamburg keine angemessene Infrastruktur für eine digitalisierte und von riesigen Datenmengen getriebene Wirtschaft anbieten, ziehen sie in besser entwickelte Regionen. Dies können auch kleinere Kommunen sein, die verkehrstechnisch hervorragend angeschlossen sind und eine smarte Wirtschaftsförderung betreiben.
Um beim Beispiel Stendal in der Altmark zu bleiben: Für uns in Deutschland wirkt die Region wie eine verlassene Landschaft irgendwo zwischen Berlin, Hamburg, Hannover und Leipzig. Doch mit Dimensionen im Kopf, wie sie beispielsweise US-Amerikaner, Chinesen, Russen oder Australier haben, ist Stendal nur eine Daumenbreite von diesen Städten entfernt, gut angeschlossen, aber (bald) wesentlich attraktiver.

Das zeigt: Die Anziehungskraft von Standorten für Unternehmensgründer ist oft nur eine Frage des Blickwinkels. Davon können Kommunen durchaus profitieren, die ihre Hausaufgaben beim Thema smarte Wirtschaftsförderung gemacht haben. Eigentlich eher Pflicht statt Kür für einen Kontinent wie Europa, in dem der größte Teil der Bevölkerung außerhalb der Großstädte wohnt. Und vielleicht auch bald die deutsche Antwort auf die Frage nach der Zukunft der Arbeit in einer globalisierten Wirtschaft.

Tobias Schwarz ist Mitgründer des Instituts für Neue Arbeit und Coworking-Manager des St. Oberholz in Berlin. Als Editor-at-Large schreibt er für das Blog Netzpiloten.de. Tobias ist Mitglied des Gründungsvorstands der German Coworking Federation.




Ihr Kontakt
Susanne Heck
Leiterin Marketing & Kommunikation
Mergenthalerallee 15-21, 65760 Eschborn
+49 6196 5232-140